Letztlich an der Käsetheke

By | 14. January 2009

Mal wieder hatte ich keinen Käse mehr im Haus und machte mich daher auf, den nächstgelegenen Supermarkt mit meinem Mangel zu konfrontieren.

Dort bei der Käsetheke angekommen, traf ich einen Frischling an, der noch nie zuvor ein Stück Käse verkauft hatte. Dieses manifestierte sich als erstes in dem Problem den von mir genannten Käse in der Auslage ohne meine Hilfe zu finden. Freundlich wie ich bin, half ich mit einem Fingerzeig, worauf hin er sich bedankte und dem nächsten Problem bevorstand: Mit welchem Messer und wie überhaupt schneide ich den Käse am besten – mit oder ohne die Folie zuvor zu entfernen?

Ein viertel Rad Tortenbrie lag nun ausgepackt vor ihm und er began mich zu fragen: Solche ein Stück? – Er zeigte mit dem Messer ein Stück, welches die Spitze an der Mitte eine der beiden Schnittkanten hatte. Ihn darauf hinweisend, dass auf Grund der Portionierung es besser wäre, wenn er den Käse wie seine Kollegen so abschneiden würde, dass die Spitze meines Stückes in Mitte des Rades zu finden sei, bedankte es sich wiederum freundlich für meinen Rat, nicht aber ohne vorher einge Zeit gebraucht zu haben, was ich denn meinen könnte. Um d schon entstand das nächste Problem: Wie groß sollte denn das Stück sein? – Bitte etwa ein Viertel des Stückes. Er setzte sein Messer so an, dass es zwei virtuelle Hälften ergab. – Nein, weniger, ein Viertel eben. – Das Messer zeigte nun 1/3 zu 2/3 an. – Nein, dass ist immernoch kein Viertel. Weniger! Ich konnte ein schmunzeln nicht unterdrücken, welches er Gott sei Dank in seiner Anstrengung nicht bemerkte. – Nein nun bitte ein wenig mehr. – Nun wieder ein Drittel spaltend. – Nein nicht so viel. – Wieder wesendlich weniger als ein Viertel zeigen kam dann vom mir das resignierende OK.

Doch ich wollte noch Leerdamer haben. Oh mein Gott, was hatte ich nur getan? Ein typisch durch die scheiben-wollende Käsefraktion – ich hasse sie – dezimiertes viertel Stück (eben nicht mehr in Kilo, sondern nur vom Aussehen) erst durch meinen Fingerzeig findend aus der Auslage holend sagte ich: Bitte dieses Mal gerade runterschneiden. Er hatte entweder mich nicht gehört oder er war so froh, dass er endlich wußte, wie man Tortenbriestück schneiden konnte, so dass er sofort das Messer auf dem auf der Wachsseite liegenden Käse in Keilform ansetzte. Daraufhin wiederholte ich meine bitte, den Käse gerade herunterzuschneiden. Mit dem Messer hin und her taxierend machte er einen verlorenen Eindruck, so dass ich unterstützend meinte, dass er das Stück parallel zur Schnittkante abschneiden solle. Vergebens, das Messer wanderte hin und her, aber nie in die nähe einer Paralellität. Er Verstand nicht wie ich den Schnitt wollte. So erhoffte ich mir den Aha-Effekt durch die Aussage, dass er ihn doch auf eine der Schnittflächen legen solle. Ich konnte ja nicht wissen, dass er nicht wußte, was die Schnittseite war. – Mehreren linksdrehenden Käserotationen später. – Mit der Frage was ich denn meine und mir den gesamten Käse über die Theke reichend, zeigte ich, natürlich nicht ohne den von Ihm vergessenen aber mir durchaus für wichtig erachteten Hygieneabstand, auf eine der Schnittflächen (Anmerkung der Redaktion: Die Schnittfläche ist, für alle die es ebenfalls nicht wissen, die Fläche, die ein Schneidwerkzeug durch das Durchtrennen eines Materials, hier z.B. Käse, erzeugt.). Ich wiederholte nun, erleichtert dass wir ein Schritt weitergekommen waren, er solle bitte ein gerade Scheibe abschneiden. Doch natürlich ist gerade einfach zu verstehen, aber der Käse hat drei Dimensionen und daher eine noch größere Menge an Freiheitsgraden. So mag es nach meiner bisherigen Geschichte nicht verwundern, dass ein natürlich nicht den Schnitt zeigte, den ich nun als den naheliegendsten erwartet hätte.

Was zeigte er wohl?

Er schien nun zu wissen was Parallel ist, auch wenn ich in diesem Fall kein das Wort nicht hab fallen lassen. Er zeigte also einen Schnitt parallel zur Ober- und damit ja notgedrungen auch zur Unterseite. Er wollte also den Käse nun Horizontal der Lagerrichtung schneiden – und auch nicht mitten durch. Verblüfft, dass man noch immer so viel “falsch”  anders machen konnte, verblüffte micht mittlerweile auch seine Einschätzung meines Hungers. Vielleicht sah ich ja auch einfach nur so abgemagert aus. Erst wollte er mit ein achtel Rad Tortenbrie verkaufen und nun etwa zwei Kilo Leerdamer. Oh, ich vergaß: 1,5 Kilo Käse und 500 Gramm Rinde 🙂

Schließlich, nach weiterem “nein”, “weniger”, “etwas mehr”, “nein, doch nicht so viel, dass es wieder so viel ist, wie am Angang” erhielt ich mein Stück. Zu klein, aber der Preis war ja auch nicht so, dass es mir viel ausmachte. Ich habe also Geld gesparte.

Ich wollte aber noch einen dritten Käse. Um es aber kurz zu machen: Er war ja mittlerweile durch meine Hilfe Profi geworden und verstand somit sofort, wie ich meinen Käse wollte. “Bitte gerade herunterschneiden, aber davon dann nur die Hälfte bitte” *DOW* Schon wieder zu viel Informtaion. Doch ich konnte nicht anders, denn anstatt das dezimierte Viertel des aromatischen Käse aus der Auslage zu holen, nahm er das frische Viertel. Dadurch ergab sich das Problem, dass ich ohne diesen Zusatz nur eine dickere Scheibe erhalten hätte und kein Stück, von welchem man sich selber hätte Scheiben herunterschneiden können. Auch dieses mal wollte er mir eine zwei-fingerbreite “Scheibe” herunterschneiden (etwa 1 Kg). Selbst für Liebhaber der strengen Käsesorten wäre das wohl zu viel auf einmal gewesen.

Ich bekam am Ende alles was ich wollte, er bedankte sich wirklich aufrichtig für meinen Unterricht und mit positivem Gefühl, das ich einem Menschen geholfen hatte und einem kleinen Schmunzeln im Kopf über die Möglichkeiten das Gegenüber nicht zu verstehen, begab ich mich zur Kasse. Doch bei Verlassen des Marktes ging mir ein erschreckender Gedanke durch den Kopf: Dass er nicht den Käse finden konnte war verständlich, denn man kann nicht erwarten, dass bei einer großen Auswahl sofort Treffsicherheit herrscht. Man muss wohl auch heute in Kauf nehmen, dass Schnittkante und die Bedeutung von Paralell dem einen oder anderen nicht geläufig ist. Doch wirklich erschreckend bzw. unverständlich war die Erkenntnis, dass dieser Mensch noch nie, nie, nie jemandem beim Käse schneiden/portionieren beobachtet hatte, was mir unmöglich erscheint, da man dieses ja sogar dann irgendwann einmal mitgekommen sollte, auch wenn man kein Käse mag.

Die Welt ist wirklich voller Wunder! Das muss ich ihr zugestehen. Auch wenn sie an so unvermuteten Stellen, wie der Käsetheke nur warten entdeckt zu werden, wird mich diese Erkenntnis nicht davon abhalten, die anderen Wunder der Welt, die ich in der Natur und anderen Kulturen zu finden erhoffe, für Supermarktexpeditionen aufzugeben.

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